Auszug aus: Schulgründungen in den Bauernschaften Grumme – Hiltrop – Bergen *
Von Wilhelm Rüter ** erstellt im Herbst 1966
- Gründung ortseigener Schulen in Grumme
- Katholische Schule
Der Kern der Bauernschaft Grumme lag in der schmalen Talaue des Grummer Bachs, daher ihr Name, und erstreckte sich vom heutigen Stadtpark bis an das Zillertal im Norden. Im Osten reichte die Feldmark bis an die Castorper Straße und im Westen bis an die Riemker Grenze…Die Revenüenaufstellung von 1581 für den Lehrer Dietrich Wulf an der Bochumer Schule vermerkt folgende 11 abgabepflichtige Höfe:
Blaumberg, Bußmann, Dickmann, Dördelmann, Kleberg, Teuthoff, Höhn, Niederdrerermann, Oberdrerermann, Vierhauß und Rellinghauß.
Alle zusammen „bezahlten“ dem Lehrer an Naturallohn 260 Roggengarben, davon Rellinghauß 60 und alle anderen je 20. Des Weiteren bekam Lehrer Wulf 9 Brote und 10 Fleischhäste. (Fleischhäste = Fleischstücke). Von Bauer Niederdrerermann bekam Lehrer Wulf kein Brot und von Bauer Bußmann bekam er weder Brot noch Fleisch. Die 7 Kötterstellen sind scheinbar von der Abgabepflicht verschont worden. Erkenntlich in der Aufstellung ist der größte Hof: Rellinghauß. . …

An der Wende zum 19. Jahrhundert regte sich im hiesigen Bereich erstmalig ein schulisches Leben und gewährt uns den ersten Einblick in die konventionellen Verhältnisse der Grummer Bauernschaft. Die nachfolgende Aufstellung zeigt, dass fast alle Bewohner katholisch waren. Auf Veranlassung der Kriegs und Domänenkammer in Hamm, berichtet der katholischen Pfarrer J. Cramer 1799 über die Landgemeinden, die zur katholischen Schulgemeinde in Bochum gehören, wie folgt:
„Grumme, eine starke Viertelstunde von der Schule entlegen, besteht aus 10 beieinander gelegenen Höfen und zehn Kotten.“
Die Haushaltsvorstände der zehn Höfe und zehn Kotten bildeten die Urgemeinde für die spätere Schulgründung. Pfarrer Cramer hat auch die Schüler namentlich benannt, die die Bochumer Mutterschule besuchten. Wie schon erwähnt, sind es von 17 Kindern nur drei Mädchen, die an den „Segnungen eines geregelten Schulunterrichts“ teilgenommen haben. Auch diese Namen sollen in der Gründungsgeschichte vermerkt werden:
Diedrich Dickamp, Johannes Henrich Grundhoff, Wilhelm Rellinghaus, Mauritz Grund-hoff, Diedrich Blaumberg, Henrich Dördelmann, Mauritz Kleeberg, Mauritz Vierhauß, Wilhelm Dickmann, Henrich Dieckmann, Görger Bönnmann, Wilhelm Hülsebusch, Görgen Imberg, Diedrich Imberg, Margarethe Blaumberg, Margarethe Kleeberg und Tina Dördelmann
Obwohl eine Schulpflicht bestand, sind nicht alle schulpflichtigen Kinder zur Schule geschickt worden. Im Sommer waren es weniger als im Winter. Auch wurden Hirtenkinder mit 12 Jahren der Schulpflicht entzogen. Dies war möglich, da die Exekutive zu schwach war, um das schon beste-hende Schulpflichtgesetz von 1762 und 1794 zur Durchführung zu verhelfen. Die Ursache des mangelhaften Schulbesuchs lag letztlich in den sozialen Verhältnissen jener Zeit, die es notwendig machten, dass die Kinder zur landwirtschaftlichen Arbeit verdingt wurden.
Während der französischen Fremdherrschaft wurde 1811 eine Schulkommission unter der Leitung des Schulkommissars Petersen gegründet, die vom Präfekten des Ruhrdepartements den Auftrag erhalten hatte, die primären Schulbezirke zweckmäßiger einzu-richten. Aus Grumme wurden bei der Gelegenheit 27 katholische und 5 evangelische Schüler gemeldet. Im benachbarten Bergen lebten nur 4 evangelische Schüler. Die Reorganisation kam wegen der bald einsetzenden kriegerischen Ereignisse nicht zustande. Grumme verblieb bis nach 1880 bei den beiden Schulgemeinden der Altstadt.
Aus der Bauernschaft war inzwischen durch den Zuzug von Bergleuten, die sich in der Nähe der Zeche Ritterburg an der Castroper Straße angesiedelt hatten, eine politische Gemeinde entstanden, die aber immer noch ihren ländlichen Charakter bewahrt hatte. Als die Ausschulungsverhandlungen um 1865 für beide Konfessionen erstmalig begannen, war die Einwohnerzahl auf 731 und die Zahl der der Familien auf 126 angewachsen. Aus den katholischen Familien besuchten 41 und aus den evangelischen Familien 17 Schülerinnen und Schüler die Schulen in Bochum.
Im Zuge der großen Ausschulung der Landgemeinden aus den Schulverbänden der Bochumer Altstadt, die 1869 in die Wege geleitet wurde und sich über einige Jahre erstreckte, erfolgte der erste Anstoß zur Gründung ortseigener evangelischer und katholischer Schulgemeinden bzw. Schulen in Grumme. Die Regierung Arnsberg empfahl die Wahl eines gemeinsamen Repräsentanten-Kollegiums aus evangelischen und katholischen Hausvätern, die als Bevollmächtigte alle notwendigen Verhandlungen über die Vermögensauseinandersetzungen mit den früheren Schulgemeinden und über die Grundstücksbeschaffung führen sollten. Die gewählten Repräsentanten waren alle katholischer Konfession, weil sie den Hauptteil der Bevölkerung aus-machten. Eine Beschwerde der evangelischen Hausväter bei der Regierung Arnsberg, die Wahl für ungültig zu erklären, führte nicht zum Ziel. .. Es mussten nun getrennte evangelische und katholische Schulgemeinden konstituiert werden. Die Regierung Arnsberg forderte nach dem Stande von 1877 … den Prästationsnachweis der evangelischen und katholischen Schulgemeinde. …
Die katholische Schulgemeinde, als die größere und finanziell stärkere, erreichte zuerst die Ausschulung aus dem Schulverband der Altstadt. Nach langjährigen Verhandlungen mit der Muttergemeinde, der sie jahrhundertelang angehört hatten, erklärte sich diese bereit, die ausscheidende Tochtergemeinde mit 5.000 Mark abzufinden. Unter dem 9. März 1880 konnte endlich die Ausschulung aus dem Schulverband durch Verfügung der Regierung vollzogen werden und die Konstituierung einer ortseigenen Schulgemeinde mit der Maßgabe genehmigt werden, dass sie erst wirksam wird, wenn ein Schulhaus vorhanden und ein Schuletat über 5 Jahre gesichert ist.
Der Landwirt Oberheitmann bot der katholischen Schulgemeinde einen Bauplatz von 180 Ruten (=25 ar und 53 qm) zum Preis von 3.000 Mark an. Die Gesamtkosten des Schulbaues, 2 Klassenräume und 2 Lehrerwohnungen, waren auf 20.000 Mark geschätzt worden. Der Unterricht sollte gleich mit 2 Unterrichtsklassen beginnen.
Das Schulgebäude war am Ende des Jahres 1880 fertig gestellt worden, so dass der Unterricht Ostern 1881 beginnen konnte. Die Schülerzahl betrug 160. Als erster Lehrer amtierte Albert Hucke aus Riemke und die Lehrerin Maria Gantenberg aus Hofstede. Ostern 1882 übernahm der Lehrer Josef Hernscher aus Weitmar die erste Stelle. Der Etat der katholischen Schulgemeinde zum Gründungstermin 01.04.1881 weist folgende Zahlen aus: Als Schulvorsteher fungierten der Ziegeleibesitzer Köddewig und der Landwirt Dördelmann. Auch in dieser Gemeinde haben wir im Anfang mit einem starken Wechsel der Lehrkräfte zu tun, weil die Klassenfrequenzen durch den ständigen Zuzug von Bergmannsfamilien außergewöhnlich hoch waren. Es musste auch ständig improvisiert werden, um Raum für neue Unterrichtsklassen zu schaffen. .. Jede Lehrkraft hatte die unwahrscheinlich hohe Zahl von fast 100 Kindern zu unterrichten.
Im August 1890 fasste der Schulvorstand den Entschluss, ein zweites Schulsystem im äußersten Osten der Gemeinde an der Grenze von Gerthe – Harpen, an der Castroper Straße/Ecke Rottmannstraße, zu errichten. Der Schulneubau kam (aber) vorerst nicht zustande, weil die erforderlichen Mittel fehlten. Um der Raumnot abzuhelfen, wurde zuerst ein Unterrichtslokal bei dem Wirt Wilhelm Hegenberg angemietet, um dort eine Sammelklasse unter der Leitung des Lehrers Janknecht einzurichten. Im Etatjahr 1895/1896 bestand immer noch ein System mit 4 Klassen und einer Sammelklasse…. Im gleichen Jahr wurden die gesamten Schullasten nicht mehr durch eine Schulsteuer erhoben, sondern (vom) Gemeindeetat übernommen. Jetzt war die finanzielle Möglichkeit gegeben, das zweite Schulgebäude im Osten der Gemeinde zu errichten.
Das Etatjahr 1900/1901 weist 2 Schulhäuser mit insgesamt acht Klassenräumen aus. Im Schulgebäude Castroper Straße/-Rottmannstraße war ein Filialsystem der Stammschule untergebracht. Die Zahl der (Schülerinnen und) Schüler betrug 440, die von 6 Lehrkräften unterrichtet wurden: Hauptlehrer Hernscher, Lehrer Mönninghoff und Struwe, die Lehrerinnen Kirchoff, Meyer und Padberg. Die katholische Einwohnerzahl war bis zur Jahrhundertwende auf 2.027 angestiegen. 1905 betrug die Schülerzahl 572 und die Zahl der Lehrkräfte 9. Im gleichen Jahr wurde Grumme nach Bochum eingemeindet und die örtliche Schulgemeinde in den Gesamt-schulverband mit einbezogen.
- Evangelische Schulen in Grumme
An der Gesamteinwohnerschaft der Gemeinde Grumme hatten die evangelischen Bürger den geringsten Anteil. Nach der Bestands-aufnahme, die Regierungsbezirk Arnsberg 1819 und nach dem Stand von 1818 durchgeführt worden war, wohnten in der damaligen Bauernschaft Grumme 218 Katholiken, 20 Lutheraner und 1 Reformierter. .,, Kirchlich und (somit) schulisch gehörten die evangelischen Einwohner zur Altstadtgemeinde (Bochum). …
Bei der Ausschulung der Landgemeinden aus dem großen Schulverband der Altstadt, die in dem Zeitraum von 1869 – 1884 zur Verhandlung anstand, besuchten nach dem Stichtag aus Grumme 17 evangelische Schüler die Kirchschule in Bochum. Die Zahl der evangelischen Einwohner war auf 86 angestiegen.
Während der Dorfkern fast (komplett) katholisch bewohnt war, wuchs die Zahl der evangelischen Einwohner durch den Zuzug von Bergleuten im östlichen Teil der Gemeinde, in der Nähe der früheren Zeche Ritterburg und Prinz von Preußen. Die Gesamtzahl der Einwohner in Grumme betrug nach der Statistik des Bochumer Landkreises von 1875 in 62 Häusern, 126 Familien, 731 Seelen. Wie bereits im vorherigen Kapitel dargelegt worden ist, war der 1875 begonnene Versuch, mit den katholischen Eingesessenen eine simultane Schulsozietät zu bilden, gescheitert. Die Katholiken als der finanzstärkere Teil der Gemeinde erreichten die Ausschulung und Gründung einer ortseigenen Schule 1880/1881, während die evangelischen Hausväter dieses Ziel erst 15 Jahre später verwirklichen konnten. …
Die Zahl (der evangelischen Schüler) war 1883 auf 87 angewachsen und immer noch bestand keine Möglichkeit, das Projekt einer ortseigenen Schule zu verwirklichen. In bitteren Worten beklagten sich die evangelischen Eltern in einem Schreiben an den Landrat vom 12.06.1883 über die aussichtslose schulische Situation: „…..es ist schon hart genug, dass die Kinder den ¾ Stunden weiten Weg nach Bochum zur Schule zum größten Teil in sehr dürftiger Kleidung bei jeder Witterung machen müssen. Auch ist es nicht einleuch-tend, warum man nicht an hiesigem Ort eine Schulklasse errichtet, was bei 87 Kindern doch sehr leicht angängig.“ Im Schreiben vom 04.08.1883 unterbreiteten sie den Vorschlag, in der Nähe der Zeche Ritterburg (Castroper Straße) ein Schulgebäude auf Kosten der Mutterschule errichten zu lassen.15) Auch dieser Vorschlag wurde verworfen.
(Aber) die Regierung Arnsberg drang auf die Konstituierung einer ortseigenen Schule, weil mit einem steten Anwachsen der Bevölkerung zu rechnen sei. Sie forderte durch Verfügung vom 24.01.1884 erneut einen Prästationsnachweis über die evangelischen Hausväter von Grumme. (Wieder) heißt es in dem Bericht: „Die Eingesessenen bestehen mit Ausnahme von 2 Landwirten, 13 Gewerbetreibenden und Beamten (Steiger pp.) fast nur aus mittellosen Bergleuten.“
10 Jahre mussten noch ins Land gehen, bevor der Wunsch nach einer eigenen Schule in Erfüllung gehen sollte. Vor der Genehmigung wurde der Bau eines Schulgebäudes an der Castroper Straße in die Wege geleitet. Für den Übergang bot sich die Möglichkeit, gastweise im katholischen Schulgebäude Grumme-Dorf mit einer Unterrichtsklasse zu beginnen.
Die Genehmigung der Gründung der evangelischen Schule wurde durch Regierungsverfügung vom 05.07.1895 erteilt. Die Geschicke der neuen Schule lagen in den Händen der Schulvorsteher Heinrich Rottmann und Friedrich Ortmann und der Repräsentanten Friedrich Cott, Wilhelm Hegenberg, Heinrich Reuter und Friedrich Zimmermann.
Mit dem Unterricht konnte nun endlich am 01.10.1896 in einem Klassenraum der katholischen Schule begonnen werden. Der erste und alleinige Lehrer war Friedrich Herbold aus Eringsen bei Dortmund. Er führte die starke Klasse allein bis Ostern 1898. Mit dem Schulneubau auf dem Rottmannschen Gelände an der Castroper Straße war 1896 begonnen worden. Im Frühjahr 1897 konnte der zweiklassige Bau bezogen werden. Der Schulbau im Dorf Grumme wurde im nächsten Jahr in Planung genommen. Zu diesem Zweck erwarb die Schulgemeinde ein Grundstück in Größe von 30 ar zu 150 Mark je ar = 4.500 Mark von dem Bäcker Pfleging. Der Schulbau konnte im Frühjahr 1902 bezogen werden. Bis zu dem Zeitpunkt hat das Gastverhältnis mit der katholischen Schule bestanden.
Es muss damals zwischen den beiden Konfessionen nicht das beste Einvernehmen geherrscht haben, sonst hätte sich der zuständige Schulinspektor Stordenz nicht bewogen gefühlt, in seinem Bericht vom 30.10.1900 in einigen deutlichen Worten auf dieses gespannte Verhältnis in der Dorfgemeinschaft hinzuweisen: „….seitens der Katholiken und namentlich deren Geistlichkeit wird den Evangelischen der Aufenthalt im Dorf erschwert und z.T. unmöglich gemacht, in dem man ihnen beim Mieten Wohnungsschwierig-keiten macht.“
Aus dem Bericht geht dann noch hervor, dass im Dorf eine Klasse mit 80 Schülern bestand und an der Castroper Straße ein System mit 2 Klassen und 124 Schülern. Ferner wurden zum Dorf gerechnet, „alle Behausungen im Tal, etwa bis zum Bauern Rottmann.Hier wohnten 40 evangelische Hausväter mit 80 Schulkindern. Es waren meist Bergleute, 2 Landwirte, 1 Gastwirt und ein Zimmermann.“ Soweit die Darstellung des Schulinspektors Stordenz. Die Blockade der evangelischen Anmieter war möglich, weil sich der Haus und Grundbesitz zum größten Teil in den Händen der katholischen Einwohner befand.
* Gesamter Text mit Fußnoten und Tabellenanhang s. https://peter-schneller.jimdosite.com/
Der Text aus dem Archiv des Bochumer Schulmuseums wurde von Peter Schneller aufbereitet.
** Wilhelm Rüter war der erste Schulrat nach dem zweiten Weltkrieg und einer derjenigen, die als nicht als Nazianhänger belastet waren. Er übernahm nach dem Krieg den Neuaufbau des Bochumer Schulsystems. Viele Schulen waren zerstört oder stark beschädigt. Es gab weder genügend Schulraum, noch ausreichend Lehrpersonal. Auch viele Lehrmaterialien, von den Nazis für ihr menschenverachtendes System missbraucht, mussten erneuert werden.