Bochum-Grumme und die  B1

Zu welchem Stadtteil gehören Starlight, das Ruhrstadion, die Heinrich Böll Gesamtschule und das neue Dichterviertel? Vielen, auch denen, die dort wohnen, ist nicht bewusst, dass dies alles zu Grumme gehört. Diese Unkenntnis dürfte auch mit dem Bau der B1 zusammenhängen, die nicht nur im Stadtteil, sondern auch in den Köpfen der Einwohner eine Barriere geschaffen hat.

Ins Tal der Grume gelangte man lange Zeit nur aus Richtung Westen über die Wege der heutigen Bergstraße und Vierhausstraße. Die Tenthofstraße z. B. war noch bis 1929 nur ein Feldweg. Dabei lag Grumme ganz in der Nähe des westfälischen Hellwegs, der als ‚großer Hellweg‘ in etwa auf der Wasserscheide verlief, die die Einzugsbereiche der Ruhr und der Emscher trennt. Grumme liegt knapp unterhalb, das Wasser des Grummer Bachs fließt über den Hofsteder und Hüller Bach in die Emscher. Die heutige Castroper Straße war Tiel dieses Hellwegs.

  • Verbandsstraße OW IV und Reichsstraße 1

Von der regionalen Verkehrsplanung war Grumme erst betroffen, als der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (SVR) einen Plan für die Schaffung von Durchgangsstraßen entwickelte. 1921 plante man eine Ost-West Verkehrsachse, die 9 Meter breite ‚Verbandsstraße OW IV‘, die die Städte von Essen bis Dortmund verbinden sollte. 1925 begann der Bau, 1932 war sie fertig und wurde 1934 in Reichsstraße 1 umbenannt. ‚Ruhrschnellweg‘ war immer nur eine alltagssprachliche Bezeichnung.

Bau der OW IV (Ruhrschnellweg) 26. Mai 1926; im Hintergrund die Heilig-Kreuz Kirche an der Castroper Straße (Presseamt Bochum)

Die neue Straße hatte oft die Form einer Landstraße, die schnurgerade durchs Land führte. Doch sie war von der Form einer Autobahn weit entfernt. Sie passte sich weitgehend den landschaftlichen Gegebenheiten an und griff kaum in die Lebensbereiche der Anwohner ein. Außerdem wurden 1926 im Grummer Grüntal Parkanlagen und im Tal der Ahlebecke, unterhalb des heutigen Wachtelwegs, die „Planschwiese“, errichtet. In Frankreich nennt man so etwas heute ‚Plan d’eau‘. Es war sogar attraktiv sich an der ‚Verbandsstraße‘ ein Haus zu bauen, an der Dortmunder Straße (Klinikstraße/Overhoffstraße) wurden Villen gebaut. Es gab viele Kreuzungen und Überquerungen, so dass diese Straße noch nicht als Trennungslilnie wahrgenommen wurde. Schon 1927 war die Werksbahn der Stahlwerke Bochum 1927 abgesenkt worden.

Wilgrödruck 1928

1934 war die Verbandsstraße zwischen Dortmund und Essen durchgehend befahrbar, auch mit Fahrrädern. Auf Grummer Gebiet hieß sie nacheinander Otto Hue Ring, Gerstein Ring und Dortmunder Straße. 1933 wurde der Otto Hue Ring in Löbker Ring umbenannt, so hieß schon vorher das westliche Teilstück in Hamme. Otto Hue als Chef der Bergbaugewerkschaft war wohl – schon 4 Monate nach der Machtübernahme von Hitler! – auch in Bochum nicht mehr tragbar.

  • Ausbau 1960

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Reichsstraße 1 in Bundesstraße 1 umbenannt. Bald war klar, dass eine zweispurige Straße dem zunehmenden Verkehr nicht mehr gerecht würde, wobei man nur von einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 80 km/h ausging. Zwischen Wattenscheid und Dortmund wurden Radwege gebaut, die aber schon 1967 einer Erweiterung zum Opfer fielen.

1960 nach der Teilfreigabe der neuen B1 zwischen Dorstener Straße und Bergstraße begann der Ausbau von Grumme bis zur Dortmunder Stadtgrenze. Da der 4spurige Ausbau auf Grummer Gebiet sehr schwierig war, erforderte dieser Bauabschnitt viele aufwändige Umbauten:

  • Schon 1958 wurde das Tal der Aalbecke zugeschüttet. Der Bach entsprang an der Castroper Straße am Quellenweg und floss durch das Tal bis zum Höhnehof an der Bergstraße, dort durch einen großen Teich und dann weiter in den Grummer Bach. Das Quell- und Niederschlagswasser wurde nach dem Umbau in die Kanalisation geleitet.

Abzweig Harpen vor dem Umbau (Presseamt Bochum)

  •  Die alte B1 hatte viele Kreuzungen und Straßen-Einmündungen, die bei einer Autobahn nicht mehr möglich waren. Erforderlich wurden
    – Brückenbauten an Bergstraße, Lerchenweg, I. Parallelstraße/ Heckertstraße, Castroper Hellweg, neuer Josephinenstraße.
    – Unterführungen als Wege unterhalb der B1: Frieda-Schanz-Straße, zwischen Josephinenstraße/Matthias-Claudius-Straße und zwischen Heideller Straße/Klinikstraße.
  • Die Verbindung Böckenbergstraße-Rotttmannstraße wurde unterbrochen. Deshalb wurde 1961 ein neues Teilstück der Josephinenstraße gebaut, um diese an die Castroper Straße anzuschließen.
  • Viel Platz wurde auch für die Auf- und Abfahrten benötigt. Der Abzweig Harpen wurde dazu total umgebaut. Die Castroper Straße wurde am Abzweig verlegt und vierspurig ausgebaut, zwei bekannte Bochumer Gaststätten (der „Alter Esel“ und die Gastwirtschaft Zimmermann) wurden abgebrochen. So entstand die neue Kreuzung von Castroper Straße / Castroper Hellweg / Harpener Hellweg, heute eine der verkehrsreichsten der Stadt. Die NS VII kam erst später dazu.
  • Für die Ab/Auffahrt an der Herner Straße wurde die Einmündung der Vierhausstraße in die Herner Straße um einige Meter verlegt. Der Sportplatz von Eintracht Grumme musste weichen. Einen Teil des alten Bürgersteigs der Vierhausstraße kann man noch an der Auffahrt sehen.
  • Das Planschbecken wurde 1960 gerodet und aufgefüllt, auch der kleine Park unterhalb des Friedhofs ‚verschwand‘ unter der neuen B1. Ein Stück der alten B1 ist heute noch als Teil des Wachtelwegs erhalten geblieben.

Ausbau der B1 zwischen Werner Straße und Bergstraße

In dem dicht bebauten Gebiet betrug der Abstand zwischen mehrgeschossigen Häuserzeilen manchmal nur 40 m. Das galt und gilt besonders für den Abschnitt am Lerchenweg, wo heute der ‚Grummer Deckel‘ ist. Dort wurde die bisherige B 1 um 6—7 m abgesenkt und eine Tiefstraße zwischen Stahlspundwänden angelegt. Dieser Flaschenhals ist auch bei den aktuellen Plänen zum weitergehenden Ausbau der Autobahn (s.u.) noch ein großes Problem.

tiefgelegte B1 in Grumme vor der Konstruktion des Deckels (Presseamt Bochum)

Am 19. Oktober 1962 wurde dann der gesamte neue Ruhrschnellweg eröffnet. Das freute sicher die Autofahrer, hatte aber für Grumme gravierende Folgen:
Ein Grüngebiet, heute würde man es vielleicht ‚tiny forest‘ nennen, wurde weitgehend vernichtet und seiner Erholungsfunktion beraubt, ganz zu schweigen von klimatischen Aspekten. Hinzu kommen die Auswirkungen auf das Gesamtgefüge des Stadtteils durch das Abschneiden der südlich der Autobahn gelegenen Gebiete, die sich inzwischen eher auf die ‚Voede‘ entlang der Castroper Straße orientiert haben.

  • Entwicklung seit 1977

Am 1. Januar 1977 wurde die Bundesstraße 1 zwischen Bochum-Werne und Duisburg zur Bundesautobahn 430 hochgestuft. Nachdem für den Abschnitt am Lerchenweg/ Heckerststraße von den Anwohnern massiv Lärmschutzmaßnahmen gefordert worden waren, wurde der „Grummer Deckel“ gebaut und im August 1989 eingeweiht. So wurde die Autobahn an ihrer tiefsten Stelle überbaut und ein kleines Grüngebiet mit Spielplatz geschaffen, das die Lärmbelastung stark reduzierte. Das hinderte Christof Zöpel, der sich für den Bau eingesetzt hatte,  nicht daran, im selben Jahr den 6spurigen Ausbau von E bis DO zu fordern.
1992 wurde die A430 umbenannt in A40. Am 8. Juli 2010 fand das berühmte Still-Leben statt.

  • Neueste Entwicklung

Die A40 soll wischen den Autobahndreiecken Bochum-West und Dortmund-West sechsspurig ausgebaut werden. Bis 2030 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein. Nach einer ersten Schätzung wird der Ausbau rund 362 Millionen Euro kosten.

© Straßen.NRW (https://www.strassen.nrw.de/files/oe/a40_ausbau%20bochum/Karten%20und%20Symbole/a40_gesamt_5_web.jpg)

s. weitere  Fotos vom Bau der B1

Literatur

Habich, Johannes, Wie die Autobahn nach Bochum kam in: Bochumer Zeitpunkte Nr. 39 2018 S. 6ff

Spichartz, Heinz-Günter, Bei uns am Wachtelweg Bochum o.J.

wikipedia: Bundesstrasse 1

wikipedia: Bundesautobahn 40

Autor: Heinz Schlinkert

Vielen Dank an Peter Hagemeister, H.-Joachim Kröger und Heinz-Günter Spichartz für ihre Informationen!